SB HR 372 Artikel

Test Hallberg Rassy 372

Für das richtige Abenteuer muss man nicht weit fahren. Europa im Winter genügt. Ein Ausflug mit Hallberg Rassys 372.

Es hat geschneit in dieser Nacht, auf den Wetterinseln vor der schwedischen Westküste liegt Schnee und auch an Deck der neuen Hallberg-Rassy 372. Es ist grau, viel grauer als in Hamburg um diese Jahreszeit, die Flocken wehen waagerecht durch die Luft. Werfteigner Magnus Rassy startet den Motor, stellt sich mit schwarzer Pelzmütze ans Ruder. Unter Deck zischt die Webasto-Standheizung, durch die riesigen ungetönten Luken und Fenster kann man einen Blick erhaschen ins warme Innere. Helles Mahagoni,  maßgeschneiderte Teppiche und eine heiße Dusche wollen mich wieder unter Deck der neuen 372 ziehen.

Das Konzept ist nicht neu, es ist eine Hallberg-Rassy mit all ihren Stärken und dem für sie typischen traditionellen Design, das manche gern als langweilig empfinden und das einer neu auf dem Markt erscheinenden Werft vermutlich sofort den Hals brechen würde; nicht weil es an Schick fehlt, sondern weil es zu klar Rassy-Design ist. Eine Hallberg-Rassy hat eine Verkleidung nicht nötig; die 372 ist kein schwächlicher Gigolo im schicken Anzug, sondern vielmehr der Marathonläufer in unauffälliger Markenjeans.

„Wintersegeln,“ sagt Magnus Rassy, „es gibt nicht viele, die das machen…“ Warum nur? frage ich mich und ziehe meine Mütze etwas tiefer in die Stirn.

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Keine Experimente, ist das Motto der Werft, das von Magnus Rassy selbst in Schweden bis zum Designer aller dessen Yachten Germán Frers in Argentinien gemeinsam getragen zu werden scheint. Der Grund für den Mythos Werft, wo seit 1962 Boote gebaut werden? „Wir bauen keinen Mist, nur weil der Kunde ihn haben will,“ sagt der deutschstämmige Rassy, der seinen Perfektionismus gern selbst an seinen Yachten auslebt, kurz. Dieses Denken schweißt die Rassy-Community weltweit zusammen wie Kap Horniers, statt an einem goldenen Ring im Ohr erkennen sie sich am nicht wegzudenkenden blauen Zierstreifen auf dem Rumpf. Aufwendige Bilder von den erlebten Abenteuern lassen sich in Prospekten und im Internet betrachten, wo sie die Segler der schwedischen Schiffe kostenfrei einstellen; stolz auf ihr Schiff, auf sich und die Reisen. Die Boote der Werft wurden von den Lesern einer angesehenen Fachzeitschrift schon einmal mit weitem Abstand zu „Traumyachten“ gewählt.

Ungewöhnlich für die Produktlinie der Schweden ist das Achtercockpit in dieser Bootsgröße, obwohl insgesamt mehr Rassys mit diesem Konzept, als mit dem als Markenzeichen geltenden Mittelcockpit verkauft wurden. Ungewöhnlich ist zudem, dass es bereits eine 37 mit Mittelcockpit gibt und ihr die 372 zur Seite gestellt wird. Nicht als Derivat, sondern als komplett neu konstruiertes Schiff, sonst wäre sie wohl keine Rassy. Im Gegensatz zur 37 hat sie einen flacheren, breiteren Rumpf, dadurch eine längere, hydrodynamisch effektivere Kielflosse bei gleichem Tiefgang und fast das gleiche Gewicht. Der Mast ist dünner und dadurch leichter, mit drei nach achtern pfeilenden Salingspaaren sicher abgestützt, alles zusammen macht mit fast 40 Prozent Ballastanteil im Kiel ein steiferes Schiff mit besserer Leistung am Wind, wie man es von einem Küstenkreuzer – der die 372 sein soll – erwartet. Rassys Mittelcockpitflotte dagegen hat andere konstruktive Vorzüge, optimiert für lange Vorwindkurse um die Welt.

„Wintersegeln,“ sagt Magnus Rassy, „es gibt nicht viele, die das machen…“ Warum nur? frage ich mich und ziehe meine Mütze etwas tiefer in die Stirn. Minus zwei Grad, auf dem Steg bin ich grad fast ausgerutscht, weil er vereist war, wie das Hafenbecken übrigens auch, dass wir mit der kräftigen 55-PS-Maschine elegant aufbrechen wie die Zuckerschicht einer Creme Caramel. Mit der 105-Prozent-Genua und dem hoch geschnittenen Großsegel gehen wir mit der gut elf Meter langen Yacht an die Kreuz. Bei 7,5 Tonnen Leergewicht hat sie nichts von einem behäbigen Tourenkreuzer, was ihr Äußeres suggerieren könnte. Das Gewicht ist realistisch kalkuliert, auch bei vollen Tanks und Zuladung; knapp vier Windstärken bringen sie auf gute 6,5 Knoten am Wind, halbwinds werden über sieben draus. Da werden sich vermutlich einige Segler spektakulärerer Konstruktionen die Augen reiben, wenn es zum direkten Vergleich kommt. Das große Ruderblatt und die direkte Übersetzung der Steuerung lassen feinfühlige Korrekturen zu und machen die 372 für eine Rassy regelrecht zappelig. Auf die so genannte progressive Ruderuntersetzung, die in die Mittelcockpitschiffe eingebaut wird und bei Geradeausfahrt für mehr Ruhe sorgt, verzichtet die Achtercockpitversion mangels Platz.

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Alle Manöver lassen sich – als Teil des Konzepts – auch vom Steuermann allein durchführen, Schoten, Fallen und Strecker werden durch verdeckte Kanäle im Kajütdach auf die als Rückenlehnen bequemen, hohen Sülls geleitet. Vier kräftige Winschen kümmern sich optional elektrisch um alle Trimmbelange. Eine gute Geldanlage, mehrt das Knopfdrucksegeln den Segelspaß gerade heute bei den zahlreichen Kurs- und Segelwechseln in den Westschären. Die zugunsten eines leicht begehbaren Niedergangs weit vorn stehende Windschutzscheibe wird wie bei einem Roadster mit einer Spritzkappe über die lackierten, so genannten Außenkartentische, und das Vorderteil des Cockpits fortgesetzt und schützt den Mitreisenden, während die Schneeflocken langsam den Blick nach vorn verschleiern.

Auf den ersten Blick kein klassisches Wetter zum Testen einer neuen Yacht; was will uns Magnus Rassy also damit zeigen? Zuerst einmal, dass es kein großes Schiff braucht um komfortabel zu reisen. Vielmehr kommt es auf die Qualität an; spricht man mit dem Bootsbauer in zweiter Generation kann man von Liebe zum Schiff sprechen. Es gibt kein Detail auf der 372 über das sich nicht gleich mehrere Leute tage- oder wochenlang Gedanken gemacht haben. Da wäre zum Beispiel die Steuersäule: Es gibt sie vom Hersteller auch gerade (und damit günstiger), hier ist sie jedoch fast unmerklich rund zweieinhalb Grad nach achtern geneigt, so steht sie weit genug vor dem Ruderkoker, um dem Autopiloten unter dem Cockpitboden genug Platz zu geben, weiter oben schafft sie Raum für den Großschottraveller, damit der seinerseits den Backskistendeckel nicht zu kurz werden lässt. Sonst müsste dieser weiter nach vorn und die Nasszelle würde leiden – alles klar?

So geht Bootsbau bei Rassy, ein permanentes Feilschen um jede Lösung und jedes Zentimeterchen. Die Rassy ist das, was der Apple unter den Computern ist: Für jedes Teil, dass auffällt, wird eine bessere Lösung gefunden. Die Werft lässt eigene Türklinken anfertigen, damit im Vorbeigehen keine Hosentaschen aufreißen, stellt die Maststütze schräg in den Salon, um das Sofa bequemer zu machen und laminiert Rumpf und Deck nach wie vor zusammen, um ein steifes, leises Schiff zu bekommen.

Dass es keine Kompromisse gibt, spürt man, wenn man sich durch das Schiff bewegt und mit anderen, teils größeren Booten vergleicht. Die Hallberg-Rassy 372 bietet zwei ausgewachsene Doppelbetten in zwei Kabinen, zudem lassen sich die Rückenlehnen im Salon hochklappen und schaffen zwei weitere Kojen, wie man an Bord sagt; entweder für Gäste oder die Freiwache auf Nachttörns. Ein großes Bad mit Duschkabine und 425 Liter Frischwasser sorgt für den nötigen Komfort.

Mit dem nach vorn ansteigenden Deck – dem Decksprung – wächst die Höhe in der Vorschiffskabine etwas, bleibt aber immer noch unter dem, was der Bootsbau derzeit als Standard vorgibt. Als Belohnung gibt es für den Käufer – der nach Prospektdiktion lediglich über die drei Grundvoraussetzungen Geld, Zeit und Gesundheit verfügen muss – ein sowohl elegantes, als auch komplettes, wenn auch nicht ganz günstiges Schiff, das vermutlich auch nach mehreren Jahren nicht unmodern wirkt und auch dann noch Preise erzielt, die weit über Marktniveau liegen.

Auf den ersten Blick kein klassisches Wetter zum Testen einer neuen Yacht; was will uns Magnus Rassy also damit zeigen? Zuerst einmal, dass es kein großes Schiff braucht um komfortabel zu reisen.

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Daten und Preise

Maße:

Länge 11,35 m

LWL10,25 m

Breite 3,60 m

Tiefgang 1,99 m (Flachkiel als Option)

Verdrängung 7,5 t

Ballast 2,9 t

Ballastanteil 39 %

Segelfläche 73,2 qm

Masthöhe über Wasser 17,80 m

Frischwassertank 425 l

Dieseltank 270 l

Maschine 55 PS Volvo Penta Diesel mit Saildrive und dreiflügligem Festpropeller

Konstruktion: Glasfaserverstärkter Kunststoff im Handauflegeverfahren, über Wasser Sandwich; massive, eingeklebte Wrangen und Stringer, teils mit Stahl verstärkt; Rumpf-Deck-Verbindung laminiert; massiver Ruderschaft aus nichtrostendem Stahl, selbstausrichtende Ruderlager; CE Kategorie A (Hochsee)

Design: Germán Frers

Werft: Hallberg-Rassy AB; Hallberg-Rassyvägen 1; 47431 Ellös/Schweden; Telefon: +46-304-54800; www.hallberg-rassy.com